Sehen können heißt Lernen für Chinas Wanderarbeiter

Hintergrund
Millionen Chinesen sind aus ländlichen Regionen in Großstädte migriert. Für die sogenannten Wanderarbeiter, die das Rückgrat der chinesischen Industrie bilden, ist es jedoch schwierig, öffentliche Leistungen in den Städten zu erhalten, da sie hier nicht als Bürger (urban residents) registriert sind. Ihren Kindern ist der Besuch von öffentlichen Schulen und damit auch der Zugang zur staatlichen Gesund-heitsvorsorge verwehrt. Das allgemeine Niveau von Ausbildung und Gesundheit ist unter den Kindern der Binnenmigranten entsprechend niedrig. Wenn die chinesischen Behörden hier nicht mit einer Verbesserung des öffentlichen Bildungs- und Gesundheitssystems nach-steuern, werden Millionen Kinder weiterhin diese Benachteiligungen mit all ihren negativen Auswirkungen auf die persönliche Entwicklung erfahren.
Im Rahmen des „Rural Education Action Project“ unterstützt die Stiftung Auge gegenwärtig das IAMO, ein Modell zur Augenvorsorge zu entwickeln, welches die Behörden für (nicht nur) in Großstädten lebende Wanderarbeiterfamilien anwenden können.
Vorangegangene Studien zeigen, dass gerade der Bedarf an Augenvorsorge und -behandlungen im ländlichen China enorm ist, bislang aber nicht ausreichend gedeckt wurde. Den gleichen Befund erwarten wir für die großstädtischen Bezirke und Stadtteile, die vorrangig von Wanderarbeitern bewohnt werden. Das Ziel der Zusammenarbeit setzt hier an, um die Verbreitung von Sehschwächen in diesen Communities zu untersuchen und Handlungsoptionen zu entwickeln.

Geringe Verbreitung von Brillen und die Rolle der Lehrer
Frühere Studien zur Augenheilvorsorge in China zeigen auch, dass fast die Hälfte der kurzsichtigen Kinder (auf Ratschlag von Erwachsenen) keine Brille trägt, auch wenn ihnen bewusst ist, dass sie Sehprobleme haben. Dies ist ein zentrales Hindernis für die Entwicklung eines Modells einer öffentlich finanzierten Augenheilvorsorge.
Die gleichen Studien schlagen vor, dass Lehrern bei der Entscheidung, eine Brille zu tragen oder nicht, eine zentrale Rolle zukommen sollte. Aufgrund der langen Arbeitszeit der Eltern sind Lehrer für Migrantenkinder häufig die Erwachsenen mit der stärksten Präsenz. Unsere Idee ist daher, einen Anreizmechanismus (ein IPad Mini) zu entwickeln, durch den Lehrer belohnt werden, wenn sie kurzsichtigen Schüler zu einem Besuch beim Augenarzt bewegen. Erweist sich dies als effektiv, könnte dieses System als wichtiger Baustein einer staatlichen Augenheilvorsorge dienen.

 

Zeitplan des Projekts: Augenvorsorge für Kinder von Wanderarbeitern
Sommer 2013 – Es wurden mehr als 100 Schulen für Wanderarbeiter in Shanghai und Suzhou ausgewählt. „Migrantenschulen” sind nicht reguliert – ein Adress- oder Kontaktverzeichnis existiert nicht. Es war daher eine Herausforderung, diese in einer 20-Millionen-Metropole zu verorten.
September 2013ChinasWanderarbeiter2klAufbau einer Partnerschaft mit dem Behandlungs- und Präventionszentrum für Augenkrankheiten Shanghai mit dem Ziel, Augenärzte sowie technische Unterstützung für das Projekt zu erhalten.
Oktober 2013 – Erste Erhebungen und Sehtests. Augenärzte führten umfassende Augenuntersuchungen bei den Kindern durch, die den Sehtest nicht bestanden, und verordneten bedarfsweise das Tragen von Brillen.
Oktober/November 2013 – Verteilung von kostenlosen Brillen an kurzsichtige Kinder, unterstützt von Angestellten des Unternehmens Caterpillar. Unterzeichnung des Anreizvertrags mit Lehrern vor Ort.
Dezember 2013 – Unangekündigter, erster Kontrollbesuch der Schulen und Zählung der eine Brille tragenden Kinder.
April 2014 – Zweiter Kontrollbesuch und Auswertungsbögen. Der Vergleich von Ersterhebungen (Oktober 2013) und der Auswertungsbögen ermöglicht, die Auswirkungen des Tragens einer Brille auf den einzelnen Schüler festzustellen: Wie entwickeln sich in diesem Zusammenhang Noten oder das Selbstbewusstsein?

Zahlen

  • 4.408 Fünftklässler untersucht
  • 94 Grundschulen für Kinder von Wanderarbeitern
  • 11 von Arbeitsmigranten geprägte Stadtdistrikte in Shanghai und Suzhou
  • 967 Brillen verteilt

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Zwischenergebnisse
Verbreitung von Fehlsichtigkeit (Ametropie)
Einige Vorstudien gehen von einer höheren Wahrscheinlichkeit aus, dass Kinder, die mit ihrer Familie vom Dorf in die Großstadt ziehen, dort eine Brille erhalten. Unsere Ergebnisse stützen diese These über die Verbreitung von Sehfehler jedoch keineswegs. Die Brillenträgerquote unter Kindern von Wanderarbeitern ist genauso niedrig wie unter Dorfkindern. Lediglich eins von sieben Kindern, für das Bedarf besteht, trägt tatsächlich eine Brille.

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Der Anteil der Brillenträger und der Einfluss des Lehreranreizsystems
Werden die an die Schülerinnen und Schüler verteilten Brillen wirklich getragen? Wir besuchten erneut jede Schule und zählten unauffällig. Bislang sind die Ergebnisse ermutigend: Das Anreizsystem für Lehrer, die ihre Schüler zum Tragen einer Brille ermutigen, macht einen großen Unterschied aus. Die Nutzerrate in der Lehrer-Anreiz-Gruppe war um 28 Prozentpunkte höher als in einer vergleichbaren Studie ohne Anreizsystem.

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Die Menschen dahinter
Daten sind eine Seite der Medaille. Jede unserer Beobachtungen bezieht sich aber auf einen Schüler und dessen persönliche Geschichte. Während unserer Arbeit haben wir mit vielen Kindern informell gesprochen, nicht nur, um unsere Erhebungsinstrumente zu verbessern, sondern auch, um ihre Lebensumstände und den Einfluss der von uns vorgeschlagenen Maßnahmen besser zu verstehen. Unten stehend werden drei Schüler vorgestellt. In vielen Belangen sind diese drei repräsentativ für ihre Klassenkameraden. Lesen Sie selbst!

Jianyu ist elf. Er wurde in der Provinz Henan in Zentralchina geboren. Schulen für Kinder von Wanderarbeitern sind typischerweise Grundschulen. Jianyus Eltern entschieden daher vor zwei Jahren, dass er mit seinem Vater nach Shanghai umziehen könne, wo dieser eine Stelle in einer Baufirma gefunden hatte. Jianyus ältere Schwester besucht weiterhin die Sekundarschule in ihrem Heimatort, wo sie mit ihrer Mutter lebt. In Shanghai hätte sie kaum eine Chance, an einer Sekundarschule aufgenommen zu werden. Obwohl er in Shanghai lebt, hat Jianyu nie die berühmte Uferpromenade “Bund“ oder die Einkaufsmeile auf dem Nanjing-Boulevard gesehen. Diese Sehenswürdigkeiten sind nur wenige Kilometer von dem Viertel entfernt, in dem er wohnt. Jianyu hat es seit seiner Ankunft vor zwei Jahren nicht einmal verlassen. Jianyu vermisst seine Mutter und hat ein angespanntes Verhältnis zu seinem Vater. Beide sehen sich nicht oft, der Junge verbringt daher einen großen Teil seiner Freizeit bei Freunden der Familien. Der aufgeweckte Junge bemerkte schon vor über einem Jahr, dass er Probleme beim Sehen hat. Aus Furcht, den Vater zu verärgern, erzählte er niemanden davon und hoffte, dass es mit der Zeit besser gehen würde. Leider hat sein Sehvermögen seitdem weiter abgenommen, wie er selbst bemerkte. Im späten vergangenen Jahr besuchten unsere Augenärzte seine Schule, maßen seine Sehstärke (-3.00 Dioptrin in beiden Augen) und verschrieben ihm eine Brille. Sein Lehrer ermutigte ihn und sieben weitere Klassenkameraden dazu, diese zu tragen. Auf die Frage, ob dies geholfen habe, sagte er: “Ich trage sie sowieso.”

Jinxia ist Fünftklässlerin. Die zwölfjährige stammt aus einer abgelegenen Gegend der Provinz Anhui in Zentralchina. Wie viele auf privaten Migrantenschulen, ist sie älter als ihre Mitschüler der gleichen Klassenstufe in regulären öffentlichen Schulen. Der Umzug in die Stadt und die damit verbundenen Schwierigkeiten, einen Platz in einer Schule zu finden, gelten als Hauptursachen des Altersunterschieds. Beide Eltern von Jinxia sind Fabrikarbeiter in einem Shanghaier Industriegebiet. Die aufzehrende Arbeit führte dazu, dass sie allein 2013 dreimal die Arbeitsstelle wechselten. Dennoch sind sie nur selten zu Hause. Jinxia lebt daher praktisch bei ihrer Großmutter
mütterlicherseits, ebenfalls aus Anhui übergesiedelt. Beide leben in einer Einraumwohnung in einer von anderen Wanderarbeitern bewohnten Unterkunft mit zehn Zimmern. Mit neun erzählte Jinxia ihrer Großmutter, dass sie Schwierigkeiten beim Sehen habe. Diese wusste nichts damit anzufangen und Jinxia erzählte es auch ihren Eltern. Diese versprachen ihr eine Brille – wenn sie im Alter von 16 auf eine Oberschule käme. Bis dahin solle sie Massagen im Augenbereich durchführen, was viele Chinesen für hilfreich halten (siehe Poster rechts). Es gibt keine klinischen Studien, die dies belegen. Jinxia erhielt im November 2013 ihre Brille. “Ich mache jeden Tag Augenübungen, um besser sehen zu können”, wie sie sagt, “aber diese Brille funktioniert viel besser.”

Yunfan stammt aus einem Dorf im Norden der Provinz Jiangsu. Mit seinen zwölf Jahren ist er etwas älter als seine Klassenkameraden. Eine allgemeine Regel im heutigen China besagt, dass die Familie schuldenfrei bleibt, wenn beide Elternteile eine Arbeit finden, auch wenn sie noch so schlecht bezahlt ist. Kann jedoch ein Elternteil nicht arbeiten oder verlässt die Familie, steht der Rest der Familie vor großen Herausforderungen. Leider war dies der Fall in Yunfans Familie. Yunfans Eltern zogen mit ihm nach Suzhou, als er acht war. Sein Vater fand eine Stelle in einem Kieswerk, seine Mutter verkauft Haushaltsgegenstände auf einem örtlichen Markt. Vor zwei Jahren wurde sein Vater bei einem Unfall verletzt und kann seitdem nicht mehr körperlich arbeiten. Die Kosten für Arzneien und Schule hat die Familieneinkommen stark belastet. Die Lehrer sagen, dass Yunfan ein sprunghaftes Kind ist, Probleme hat, sich zu konzentrieren und dazu neigt, über die Stränge zu schlagen. Als wir seine Sehstärke untersuchten, stellten wir eine schwere Kurzsichtigkeit fest (-5.00 Dioptrin). Seinen Eltern hatte er bis dahin nichts über sein Sehunvermögen erzählt, da in seinen Worten “Brillen teuer sind”. Zunächst zögerte er die Brille zu tragen, die wir ihm zur Verfügung stellten. Aber während eines späteren Monitoring-Termins konnten wir erfreut feststellen, dass er seine Brille regelmäßig trug, und auch seine Lehrer waren erfreut, dass er dem Schulgeschehen aufmerksamer folgte.Yunfans Familie lebt immer noch in einer prekären Situation. Die Brille ermöglicht es zumindest, dass er sich auf dem besten Weg aus der Armut heraus besser konzentrieren kann – der Bildung.

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Fazit
Es gibt zahllose Wanderarbeiterfamilien in Suzhou, Shanghai, die vor der Herausforderung stehen, ihre Kinder am Rand des Bildungssystems durchzubringen. Mit dem Angebot einer umfassenden Augenvorsorge und –behandlung, ermöglichen wir den Kindern einen Schritt in Richtung der Ausbildung, die sie verdienen. Die wäre nicht möglich ohne die großzügige Unterstützung der Stiftung Auge.

Fördersumme: 10.000 Euro.